Dieser Gastbeitrag stammt von Robert Krüger Kassissa von Wir haben Praxis. Er vermittelt Arzt- und Zahnarztpraxen schwerpunktmäßig in der Region Berlin-Brandenburg. Zudem ist er Finanzierungsberater und Versicherungsmakler.
Als niedergelassene Ärztin oder niedergelassener Arzt begegnet Ihnen die Parole der „Digitalen Arztpraxis“ vermutlich fast täglich. Keine Sorge, ich möchte Ihnen nicht aufzählen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung mit sich bringt, sondern aus Sicht eines Praxisverkäufers erklären, warum sich eine nicht-digitale Praxis schlichtweg schlechter verkaufen lässt.
Laut der aktuellen Ari-Mediennutzungsstudie greifen knapp zwei Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte bei der beruflichen Mediennutzung auf digitale Quellen zurück. 25 Prozent nutzen sogar KI-gestützte Chatbots, also Chatbots mit künstlicher Intelligenz wie ChatGPT. Unter den unter 40-Jährigen sind KI-Tools sogar unter den Top 5 der genutzten digitalen Medien zu finden.
Wie versprochen erkläre ich Ihnen jetzt nicht, wie sich Ihre Prozesse bei der Terminierung, Anamnese, Patientenkommunikation, Dokumentation im Praxisverwaltungssystem, Befundauswertung etc. zu verbessern lassen und damit nicht nur Sie und Ihr Personal entlastet werden, sondern obendrein Ihren Patienten profitieren können.
„Das nutzen meine vorrangig älteren Patienten nicht“
Stattdessen bitte ich Sie, sich folgende Situation vorzustellen: Der praxisabgebende Arzt, welcher in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen möchte, und die praxissuchende junge Ärztin sitzen sich bei der Praxisbesichtigung gegenüber und es kommt das Thema Online-Terminvereinbarung auf. Der Abgeber erklärt, dass er noch ein Terminbuch nutzt, damit komme sein Personal zurecht und außerdem seien seine Patientinnen und Patienten sowieso alle schon älter und nutzten solche Online-Tools nicht.
Natürlich kennt ein Arzt seine Patienten in aller Regel sehr gut, aber böse gesagt grenzt es fast an Bevormundung, dass den Patienten diese Möglichkeit vorenthalten wird. Denn statistisch gesehen sind viele ältere Menschen sehr fit in digitalen Anwendungen. Und es ist immer eine Frage des Angebots: Was nicht angeboten wird, kann auch nicht genutzt werden. Hinzu kommt noch ein weiterer, viel gewichtigerer Punkt: Natürlich werden die digitalen Möglichkeiten immer den einen oder die andere überfordern. Aber die alt hergebrachten Methoden der Terminvorgabe fallen ja in der Regel nicht weg und sind immer noch vorhanden.
Sind das Fernsehen und die gedruckte Zeitschrift tot?
Mich erinnert dies etwas an das Aufkommen von Youtube. Damals sagten einige: Dies ist der Todesstoß fürs Fernsehen. Und wie ist die Situation heute? Die Anzahl der Fernsehsender hat sich rasant vergrößert. Klar das lineare Fernsehen hat seine Schwierigkeiten, aber es gibt es immer noch. Ein weiteres Beispiel: Als immer mehr Zeitungen und Zeitschriften anfingen, ihre Inhalte auch online zu präsentieren, hieß es: Nun ist es vorbei mit den gedruckten Zeitungen und Zeitschriften. Wann waren Sie zum letzten Mal in einen gut sortierten Bahnhofskiosk? Es ist Wahnsinn, welche Fülle an Printmedien dort angeboten wird. Natürlich hat sich der Markt rasant verändert, aber die Auswahl der Printmedien hat zugenommen und immer mehr Spartenmagazine sind hinzugekommen. Das gleiche gilt übrigens für den Büchermarkt. Wenn ein Kommunikationskanal dazukommt, fallen die alten nicht automatisch weg.
Was heißt das für die ältere Patientin, die einen Termin bei Ihnen in der Praxis vereinbaren möchte? Sie macht es genauso wie immer: anrufen und riskieren, lange in der Warteschleife zu hängen. Oder sie macht einen Termin am Tresen aus wie eh und je. Noch ist eine Arztpraxis ein physischer Ort, der besucht werden kann, also können dort auch Termine, Rezepte, Arztbriefe und Verordnungen ausgehändigt werden bzw. auf die elektronische Gesundheitskarte gesendet werden.
Das berufliche Lebenswerk in guten Händen
Dass einige Ärztinnen und Ärzte mit den digitalen Veränderungen fremdeln, ist verständlich. Getreu dem Motto „Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss“ gibt es wenig Veränderungsdruck, solange die meisten Praxen wirtschaftlich gut bis sehr gut laufen.
Aber spätestens, wenn die Praxisabgabe in den Fokus rückt, wird es Zeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe einige wenige Ärztinnen und Ärzte in meiner Beratungspraxis kennengelernt, die sagten: „Ich habe so viel Geld mit meiner Praxis verdient, wenn es jetzt keinen Nachfolger gibt, dann ist es halt so. Dann schließe ich meine Praxis ab.“ Aber nicht alle haben diesen Schneid und die meisten wollen verständlicherweise doch irgendwie ihr berufliches Lebenswerk in guten Händen wissen.
Bei Vertragsverhandlungen und Übernahmemodalitäten sind oft Kreativität und Flexibilität gefragt. In einer evidenzbasierten Wissenschaft wie der Medizin ist Kreativität natürlich fehl am Platze, deshalb fällt dies einigen Ärztinnen und Ärzten vermutlich so schwer. Aber wer seine Praxis verkaufen will, sollte sich mal in die Situation des Gegenübers hineinversetzen. Junge Ärztinnen und Ärzte nutzen nun mal digitale Tools - einfach, weil es das Leben erheblich leichter macht. Da ist es nachvollziehbar, dass auch die zu erwerbende Praxis zumindest gewisse digitale Züge haben sollte – oder Sie haben den Schneid und schließen halt ab!
\\\ Dieser Gastbeitrag für AÄA stammt von Robert Krüger Kassissa ("Wir haben Praxis").