Interview: „Patienten erreichen, die einer Behandlung sonst wenig oder nicht zugänglich sind."

Wann ist der Einsatz von digitalen Gesundheitsanwendungen sinnvoll? Wird die heutige Arztausbildung dem zunehmend digitalisierten Gesundheitswesen gerecht? Teil 2 des Interviews mit Dr. med. Filippo Martino, Vorsitzender der DGDM.

\\\ Den ersten Teil des Interviews mit Dr. Filippo Martino lesen Sie hier. \\\
 

Herr Dr. Martino, empfinden Sie die medizinische Ausbildung zum Arzt, wie sie sich aktuell darstellt, als zeitgemäß?
Aus meiner Perspektive gibt es im Bereich der Digitalen Medizin durchaus noch Ausbildungsbedarf, der aktuell in der universitären Lehre zu selten und wenig abgebildet wird. Schaut man sich in großen Umfragen die Gründe an, warum Ärztinnen und Ärzte der Digitalisierung skeptisch gegenüberstehen, geben viele an, sich nicht ausreichend informiert zu fühlen. Um dem vorzubeugen sollte bereits während der Ausbildung Wert darauf gelegt werden, angehende Kolleginnen und Kollegen mit den Technologien und Möglichkeiten der Digitalen Medizin vertraut zu machen und mit ihnen gemeinsam Chancen sowie Herausforderungen und Limitationen zu ermitteln. Niemand muss gleichzeitig eine Ausbildung zum Medizininformatiker erhalten, jedoch sollten solide Grundkenntnisse vermittelt werden, um jeder Ärztin und jedem Arzt die Möglichkeit zu geben, sich kritisch und reflektiert mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen. 

Wie schätzen Sie die derzeitige Entwicklung hinsichtlich E-Rezept, elektronischer Patientenakte, elektronischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und Co. ein? Warum ist diese Entwicklung gut oder schlecht? 
Aktuell ist vor allem eines zu beobachten: Sie setzen sich nur sehr langsam durch. Gerade am Beispiel der elektronischen Patientenakte, die seit dem 01.01.2021 jeder und jedem Versicherten zur Verfügung steht, sieht man, dass es mit der rein technischen Implementierung und dem Angebot nicht getan ist. Die verschiedenen Beteiligten sind häufig nur wenig informiert über ihre Möglichkeiten und dementsprechend weniger zugewandt. Dies ist für die flächendeckende Implementierung dieser eigentlich sehr sinnvollen Lösungen eine schlechte Ausgangsposition.

Welche Rolle bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens spielt die gematik und welche Erwartungen haben Sie an diese?
Die gematik nimmt hierbei eine gestaltende und vorgebende Rolle ein, sie hat die Telematikinfrastruktur als Grundlage der genannten Anwendungen konzeptionell erarbeitet und weitere Spezifikationen definiert. Durch ihre zentrale Position mit Gesellschaftern aus den Bereichen Politik und Selbstverwaltung kommt ihr damit auch eine Rolle als Vermittler zwischen den verschiedenen Stakeholdern zu. Ich hoffe, dass diese Rolle in Zukunft noch weiter gestärkt wird, um den interprofessionellen Austausch zu fördern und damit versorgungsnahe Lösungen zu schaffen, die dann durch Aufklärung und Information auch ihren Platz in der Versorgung finden. 

Sie sind Experte für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA). Was versprechen Sie sich von der Implementierung der digitalen Gesundheitsanwendungen? 
Digitale Gesundheitsanwendungen oder „Apps auf Rezept“ wie es in der Laienpresse auch oft heißt, sind ein Novum für unser Gesundheitssystem und bislang auch weltweit einzigartig. Das Konzept der DiGAs ist spannend, denn es ermöglicht uns Patientinnen und Patienten zu erreichen, die einer Behandlung sonst wenig oder nicht zugänglich sind. DiGAs begleiten die Patientinnen und Patienten in ihrem Alltag und können dort positive Effekte entfalten. Insbesondere bei Erkrankungen, die durch eine Änderung des Lebensstils positiv beeinflussbar sind, beispielsweise bei einem Diabetes mellitus oder einer Hypertonie, bergen DiGAs ein enormes Potential, wenn sie richtig eingesetzt werden. Auch Anwendungen im Bereich der psychischen Gesundheit können verhaltenstherapeutische Inhalte abbilden, die den Patient oder die Patientin in ihrer Genesung und Krankheitsbewältigung unterstützen. Die vorangegangene bzw. auch begleitende wissenschaftliche Evaluation stellt hierbei eine wichtige Säule dar. Aus Studien wissen wir, dass digitale Anwendungen häufig am besten wirken, wenn sie in ein analoges und damit integriertes Versorgungsmodell eingebettet sind. Meine Hoffnung wäre, dass durch die zunehmende Akzeptanz spannende sogenannte „Blended Care“-Ansätze entstehen, die das volle Potential für die Patientinnen und Patienten ausschöpfen können, indem sie die Vorteile der digitalen und „analogen“ Versorgung miteinander verbinden. 

Ihre Wunschvorstellung: Wie sieht das Gesundheitswesen in 15 Jahren aus?
Ich hoffe, unser Gesundheitswesen wird in 15 Jahren deutlich digitaler und damit auch empathischer, offener, gerechter und niederschwelliger sein, als es jetzt schon ist. Ich wünsche mir, dass medizinisches Fachpersonal durch die Digitale Medizin entlastet, nicht belastet wird. Dies sollte durch eine deutlich verringerte Dokumentationslast, eine verbesserte Verfügbarkeit von Informationen sowie digitale Unterstützung für evidenzbasierte Entscheidungen in der Versorgung geschehen. Weiterhin wäre es großartig, wenn auch die Patientinnen und Patienten durch die Digitalisierung mehr Gesundheitskompetenz erlangen können, die Souveränität über Ihre Daten halten und damit auf Augenhöhe im Gesundheitssystem navigieren können. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies in der Summe zu einer verbesserten medizinischen Versorgung führt, von der letzten Endes alle im System profitieren können. Es liegt nun an uns, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen und dafür die richtigen Weichen zu stellen.



Dr. med. Filippo Martino ist Gründer und 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Digitale Medizin (DGDM). Als Arzt mit Erfahrung in der medizinischen Patientenversorgung, Forschung und Innovation liegt sein Schwerpunkt auf der Entwicklung und wissenschaftlichen Evaluation digitaler Anwendungen und Konzepte im Bereich der Digitalen Medizin.

Die Deutsche Gesellschaft für Digitale Medizin e.V. (DGDM) ist eine medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich der Förderung von Wissenschaft, Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Digitalen Medizin und ihrer Entwicklung als zukunftsorientierte Ergänzung der medizinischen Tätigkeiten verschrieben hat. Die Gesellschaft verfolgt ihre Ziele insbesondere durch die Vereinigung der auf dem Gebiet der Digitalen Medizin tätigen Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen sowie auch Studierenden der Medizin, Auszubildenden und Angehörigen nichtärztlicher Fachberufe im Gesundheitswesen, die ein praktisches oder wissenschaftliches Interesse an der Digitalen Medizin haben.

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