Digitale Praxis: Chancen der Videosprechstunde

Im neuesten Teil der Rubrik "Digitale Praxis" erfahren Sie alles Wissenswerte über die Videosprechstunde - von den Einsatzmöglichkeiten bis hin zu den technischen Voraussetzungen.

 

Der persönliche und direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient ist und bleibt auch weiterhin unverzichtbar. Digitale Lösungen wie die Videosprechstunde bieten jedoch die Möglichkeit, dass sich Arzt und Patient nicht mehr gemeinsam im selben Raum befinden müssen. Behandlungen können über den Bildschirm erläutert, Heilungsprozesse begutachtet und psychotherapeutische Gespräche geführt werden. Die telemedizinisch gestützte Betreuung von Patienten ist nichts Neues, aber gerade durch die Corona Pandemie hat sie viel Auftrieb bekommen. Um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, greifen Ärzte und Patienten vermehrt auf den digitalen Service als Ergänzung zum klassischen Praxisbesuch zurück. 
 

Einsatzmöglichkeiten und Chancen für Videosprechstunden 

Lange Anfahrtswege, zermürbende Parkplatzsuche und unvermeidbare Wartezeiten in der Praxis – ein Arztbesuch kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Bei einer Patientenbefragung der KBV gaben 38 Prozent an, aus Zeitgründen schon einmal auf einen notwendigen Arztbesuch verzichtet zu haben. Die Videosprechstunde, welche seit dem 1. April 2017 offiziell mit allen Krankenkassen abgerechnet werden kann, bietet hier eine optimale Alternative. Durch die Ortsunabhängigkeit können Patienten bequem von zu Hause aus mit ihrem Arzt sprechen, sparen sich durch das Wegfallen des Anfahrtswegs wertvolle Zeit und erhalten schnell ärztlichen Rat. Besonders für chronisch erkrankte Patienten bietet sich eine Videosprechstunde an. Auch Ansteckungen im Wartezimmer werden durch den digitale Arztbesuch vermieden. Durch den zusätzlichen Service sparen auch Arztpraxen kostbare Zeit ein und Praxisabläufe werden entlastet. 

Die Videosprechstunde können alle Ärzte mit Ausnahme von Laborärzten, Nuklearmediziner, Pathologen und Radiologen in den Fällen anbieten, in denen sie es für therapeutisch sinnvoll erachten. Das gilt sowohl für bekannte als auch unbekannte Patienten. Die Regelung, dass maximal 20 % der jeweiligen Leistungen (GOP) im Quartal per Videosprechstunde erfolgen darf, ist aufgrund der Corona Pandemie bis einschließlich 31.12.2020 ausgesetzt, um eine kontaktlose Versorgung der Patienten sicherzustellen. 

Seit Oktober 2020 können Ärzte ihren Patienten per Videosprechstunde eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) für bis zu sieben Kalendertage ausstellen. Voraussetzung ist, dass der Patient der Praxis aus früheren Behandlungen bekannt ist. Die Bescheinigung muss per Post an den Patienten versendet werden. Für den Versand kann die Kostenpauschale 40128 abgerechnet werden bzw. beim Versand der ärztlichen Bescheinigung für den Bezug von Krankengeld bei Erkrankung eines Kindes die Kostenpauschale 40129. Beide Kostenpauschalen sind mit 81 Cent bewertet. Die aktuell durch die Corona Pandemie mit 90 Cent bewertete Pseudo-GOP 88122 bleibt davon unberührt. Die fortbestehende Arbeitsunfähigkeit in der Videosprechstunde ist allerdings nicht möglich, wenn bereits die Erstfeststellung der Arbeitsunfähigkeit per Videosprechstunde erfolgt ist. 

Eine aktuelle Übersicht über die Leistungen und deren Vergütung finden Sie bei der KBV. 
 

Voraussetzungen und technische Anforderungen

Sowohl bei dem Patienten als auch beim Arzt müssen bestimmte technische Anforderungen gegeben sein. So sind ein Bildschirm, Lautsprecher, Kamera, Mikrofon sowie eine stabile Internetverbindung für eine Videosprechstunde unabdingbar.

Die Videosprechstunde muss während der gesamten Zeit verschlüsselt sein. Um eine reibungslose und technisch sichere Kommunikation zu gewährleisten, dürfen Videosprechstunden nur über einen zertifizierten Videodienstanbieter laufen. Dieser übernimmt die technische Abwicklung der Sprechstunde – eine zusätzliche Software ist nicht notwendig. Die KBV hat für Ärzte eine Liste der zertifizierten Videodienstanbieter zusammengestellt. Wenn ein Arzt einen zertifizierten Videodienst nutzen möchte, muss er das zunächst bei der Kassenärztlichen Vereinigung anzeigen. Gegenüber dem GKV-Spitzenverband ist keine Erklärung notwendig. 

Eine ausschließliche Fernbehandlung kommt nur dann in Frage, wenn es im Einzelfall ärztlich vertretbar ist. Der Patient muss auf die Unterschiede zwischen dem persönlichen Kontakt vor Ort und der Fernbehandlung hingewiesen werden. Es empfiehlt sich zudem, im Anschluss der Videosprechstunde die Aufklärung über die Besonderheiten der Fernbehandlung schriftlich in der Patientenakte zu dokumentieren, um im Zweifelsfall darauf zurückgreifen zu können.

Der Klarname des Patienten muss für den Arzt während der digitalen Sprechstunde erkennbar sein. Zudem muss die Videosprechstunde - wie eine normale Sprechstunde auch – vertraulich und störungsfrei verlaufen und in Räumlichkeiten stattfinden, die Privatsphäre bietet. Um die Schweigepflicht und Datensicherheit sicherzustellen, darf die digitale Sprechstunde von niemanden aufgezeichnet werden - auch von dem Patienten nicht. Ebenso wenig darf die Videosprechstunde Werbung enthalten. 
 

Ablauf einer Videosprechstunde 

Der Ablauf einer digitalen Sprechstunde per Video verhält sich sehr ähnlich wie eine klassische Sprechstunde. An erster Stelle steht die Terminvereinbarung: Der Patient erhält neben Datum und Uhrzeit einen Link für die Videosprechstunde sowie einen Einwahlcode. Vor dem digitalen Arztbesuch muss der Arzt eine schriftliche Einwilligung des Patienten einholen. In der Regel stellen Videodienstanbieter ihren Kunden eine solche Vorlage bereit.

Sowohl der Patient als auch der Arzt wählen sich bei dem Dienstleister ein. Nachdem sich der Patient über den erhaltenen Link mit anschließender Eingabe des Einwahlcodes eingewählt hat, wartet er im Online-Wartezimmer, bis er vom Arzt dazu geschalten wird. War der Patient bisher noch nie in der Praxis, hält er seine elektronische Gesundheitskarte in Kamera, um die Identität zu prüfen und notwenige Daten zu erheben. Sollten sich im Raum des Patienten weitere Personen aufhalten, müsse diese dem Arzt vorgestellt werden. Im Folgenden findet die Sprechstunde genauso statt wie bei einem persönlichen Termin. Nach der Durchführung wird die Videosprechstunde beendet, indem sich beide Seiten abmelden. Der Arzt dokumentiert die Behandlung im PVS. 

Tipp: Feste Sprechstundenzeiten für Videokonsultationen sind empfehlenswert, um diese optimal als fixen Bestandteil im Praxisablauf zu integrieren.
 

FAZIT

Eine persönliche Sprechstunde in der Arztpraxis ist unverzichtbar und sollte für die optimale Behandlung der Patienten Priorität eins bleiben. Dennoch ist die Videosprechstunde für viele Leistungen eine wunderbare Alternative, vor allem um den Patienten einen langen Anfahrtsweg zu ersparen und das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Der digitale Arztbesuch ist heute einfacher denn je und stellt keinen nennenswerten Mehraufwand für Ärzte dar. Die Corona Pandemie hat die Nutzung der Videosprechstunden in Arztpraxen vorangetrieben und sollte auch in Zukunft weiter ausgebaut werden. 
 


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Kategorie
Ärzte

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